Es geht uns gut

Unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen, wie es nach jeder Katastrophe im Leben der Menschen früher oder später heißt – unmittelbar nach diesen schrecklichen Ereignissen, also, begegneten mir zwei Bücher, die ich eigentlich sofort lesen wollte. „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“ von Mely Kiyak und „Krebs. Die unsterbliche Krankheit“ von Martin Bleif. Mittlerweile schleiche ich um die beiden wie eine Katze um den heißen Brei. Es hat mich eine Eishaut überzogen, die dünn ist. So dünn, dass sie vor jedem Tropfen Kondenswasser auf der Hut ist. Mely Kiyak und Martin Bleif habe ich deshalb in jenem mehrstöckigen Gebäude der Bücher, die danach schreien, gelesen zu werden, in eine tiefere Etage verbannt. Wo ich sie nicht mehr so laut hören kann. Vorerst.

Ein paar Stufen hinauf in diesem Gebäude kletterte dafür Valeria Luiselli. In meiner Buchhandlung entdeckte ich vor zwei Wochen einen kleinen feinen Bestand ihrer „Schwerelosen“. Der Verkauf geht nämlich weiter, obwohl gerade renoviert wird, und die Bücher dort in einem intermediären, notdürftig errichteten Stapelsystem, so weit das Auge reicht, einer neuen Ordnung harren. Nun. Offensichtlich geht es auch ohne, denn „Die Schwerelosen“ haben sich zwischenzeitlich verflüchtigt. Too late, Baby. Ich hätte beim ersten Mal zugreifen müssen.

Eine Weile mäanderte ich fadenlos durch das Labyrinth der Bücher, bis mir plötzlich der wunderbare Arno Geiger in die Hände fiel. Wobei: Was heißt schon plötzlich? Oder: Unerwartet. Eine meiner Lieblingslektüren im vergangenen Jahr war „Der alte König in seinem Exil“. Und auf meine Listen kann ich eigentlich setzten, was ich will, ich greife garantiert daneben.

Montag, 16. April 2001

Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, daß die Toten uns überdauern. Kurz legt er den Kopf in den Nacken. Während er die Augen noch geschlossen hat, sieht er sich wieder an der klemmenden Dachbodentür auf das dumpf durch das Holz dringende Fiepen horchen. Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, daß am Fenster unter dem westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, daß Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfaßte er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (Tbc? Salmonellen?). Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, daß die Verriegelung fest eingeklinkt war.

Arno Geiger, „Es geht uns gut“

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2 Gedanken zu “Es geht uns gut

  1. wie ich mich freue, dass Valeria Luiselli Leser findet. Damit auch die folgenden ihrer Romane übersetzt werden.
    Gar nicht gerne lese ich von den Katastrophen und erlebe gerade wieder aus eigener Erfahrung, dass man mit Sprache dabei wenig ausrichten kann. Ich denke an dich.

    1. Ich wusste, dass Du Dich freust, und eigentlich ging es mir, wenn auch in Unkenntnis, ebenso..:-) – Ich weiß nicht, ob Katastrophen das richtige Wort ist, habe gerade kein Passenderes zur Hand. Aber zu den größten zählen doch die Momente im Leben, in denen wir Karten mit schwarzem Trauerrand erhalten oder selbst versenden müssen, finde ich. Insofern kann ich mir vorstellen, wie Dir zumute ist, und, ja, ich denke auch an Dich.

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