Nature Morte

Da, nimm das weiße Laken. Deck dich zu. Spiel eine Leiche. Das müsste man malen können.

Wo hat er diese Sätze zum ersten Mal gehört? In Minsk, in Wilna? Gewiss nicht in Paris. Wer hat sie gesagt? Kiko oder Krem? Die Erinnerung ist älter als diese Provinzstadt an der Loire. Wo ist er jetzt? Gewiss nicht in Chinon.

Tu so, als ob du tot wärst. Dann wird es leichter. So wird alles leichter. Du bist schon tot, kannst das Leben nicht mehr verlieren. Immer schon verloren, sind wir halb schon frei. Du kannst überhaupt nichts verlieren. Also gehst du leicht hinaus. Das müsste man malen können.

Spiel eine Leiche, sagt er selber zu Kiko, der sich auf den Boden legt. Dann deckt er ihn mit einem Laken zu und umgibt ihn mit Kerzen. Tu so, als ob du tot wärst. Aber der Tod lässt sich noch nicht malen, es ist zu früh. Es ist gut, früh mit dem Üben zu beginnen. Den Tod kannst du nicht malen. Er lässt sich nicht, verstehst du. Versuch es später, mit Hasen, Fasanen, Truthähnen. Versuch ihren Tod zu malen, dann wirst du zu ihm finden.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

Chaim Soutine, "Hase mit Gabeln"
Chaim Soutine, „Hase mit Gabeln“
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2 Gedanken zu “Nature Morte

    1. Zitat und Bild haben mir die Augen geöffnet, was es auch bedeuten kann, tote Tiere zu malen. Darüber hinaus hat Soutine über Jahre Hunger gelitten, während in seinem Leib ein Magengeschwür tobte. Ich kann mir nicht helfen, aber die beiden Gabeln wirken wie gestreckte Waffen auf mich. Ich danke.

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