Abwege

AbwegeWieder so ein nächtlicher Trip, diesmal mit dem Bus durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, ohne zu wissen, wohin die Fahrt  eigentlich gehen soll.

Ich bin in einem Arbeitslager interniert. Women only. Die einzige Waschgelegenheit ist permanent okkupiert von einer langbeinigen Südamerikanerin in Strapsen. Für eine Latina erscheint sie mir viel zu groß und überheblich. Sie mustert mich mit abschätzigen Blicken, während ich ungeduldig in den Katakomben unserer Unterbringung auf und ab tigere. Ein Wettlauf gegen die Zeit. An der Schleuse zu unserem Sammelplatz tickt die Stempeluhr. Wer nicht sticht, fliegt raus. Alle anderen sitzen schon im Bus. Wenn ich mich jetzt noch der Zutrittskontrolle unterziehe,  stehe ich allein im Flutlicht des Kolosseums und fliege auf. In der wahnwitzigen Hoffnung, unentdeckt zu bleiben, besteige ich den Bus. Aber als die Tür sich hinter mir schließt, weiß ich, dass ich einen schweren Fehler begangen habe. In rasender Geschwindigkeit jagt der Fahrer plötzlich durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, wo die Gerechten noch in tiefem Schlummer liegen.

Das Bild zum Traum liefert heute L., das ist kein Zufall, und der Drehbuchautor erweist sich wieder einmal als gnadenloser Plagiator.

Meine Versagensängste beginnen lange vor dem Weckerläuten, lange bevor in den müden Stunden des Tages seit Wochen immer wieder dasselbe Bild vor meinem inneren Auge auftaucht: ein Schiff, das sich unmerklich von einem Ende des Horizonts zum anderen bewegt. Nicht neu, nur in ungewohnter Intensität. Nur das Gefühl der Heimatlosigkeit im eigenen Leben, das sich die Gunst der Stunde zunutze macht, um sich wieder heranschleichen zu können. Dazu das Wissen, dass eine Auszeit unerschwinglich ist.

Immerhin: Bei Brainin eine Stelle gelesen, die schöne Erinnerungen weckt:

Die Analogien, die sich von seinem professionellen Leben ausgehend auf sein übriges ziehen ließen, blieben Alfred nicht völlig verborgen. Die Passivität war in seinem scheinbar einfachen Beziehungsgeflecht zu anderen Menschen unübersehbar. Selten, dass er den ersten Schritt tat, praktisch nie war er es, der bereit war, an Mängeln einer Beziehung zu arbeiten, bevor sie in die Brüche ging. Es war immer erst die unplanbare, unentrinnbare Situation, die Veränderungen bewirkte, nie die Beziehung selbst.

Umso aufregender fand Alfred Isabella. Isabella spielte keine Spiele. Sie übernahm keine der vorgefertigten Rollen, die Frauen vom Haken nehmen, wenn sie mit Männern spielen. Es schien für sie bedeutungslos, ob der narzisstische Widerpart ausreichend zum Zug kam. Die Mann-Frau-Beziehung wurde hier pur genommen, unverdünnt.

Alfred war in seiner Passivität ganz anders gefordert als bisher. Isabella unternahm keine Anstrengungen ihn anders, besser und funktionierender zu machen. Sie akzeptierte ihn, wie er war, weil sie sich selbst genügte. Das war für ihn allerdings ein Ansporn eigener Art. Alfred war erstmals in einer Beziehung mehr mit sich selbst beschäftigt als mit der Frau, die in sein Leben getreten war. Die absehbare Bruchstelle, so wie sie Alfred aus seinen bisherigen Beziehungen kannte, schien in weite Ferne gerückt.

Einen kurzen Augenblick lang glaubte er nicht mehr länger bloß Lagerhalter seiner Gegenstände zu sein. Er sah sich vielmehr als Besitzer einer erlesenen Sammlung von Objekten, einem Fürsten, Adeligen oder Patrizier nicht unähnlich. Er war am Ziel seiner Wünsche angekommen, die ihn begleitet hatten, seit er als Lehrling Staub gewischt und glatte Oberflächen noch glatter gemacht hatte.

Bis jetzt. Bis heute.

Und zufällig noch zwei Gedichte über die Staubschichten in länger leer gestandenen Wohnungen entdeckt, hier und hier. Diese Staubschichten sind für den Empfänglichen genauso zu lesen wie Gesteinsformationen für einen Geologen.

In diesem Zusammenhang: Wörtlich schrieb Rilke an Franz Xaver Kappus:

Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, daß die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicherheit so viel menschlicher, welche die Gefangenen in den Geschichten Poes drängt, die Formen ihrer fürchterlichen Kerker abzutasten und den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes nicht fremd zu sein.

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3 Gedanken zu “Abwege

  1. Das Gefühl der Heimatlosigkeit im eigenen Leben….
    Ein temporeicher bedrückender Traum.
    Auch das Rilke-Zitat geht mir durch Mark und Bein.
    „… den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes…“
    Ich habe schon oft gedacht, dass die meisten von uns nur 1 qcm ihres Raumes erobern. Der Rest bleibt terra incognita, und geht mit unserem Ableben für immer verloren.

    1. Das ist die große Frage, nicht zuletzt eine des Glaubens natürlich, ob diese terra incognita mit unserem Ableben für immer verloren ist. Ich halte es zumindest für möglich, dass unsere Seelen so etwas wie ein Eigenleben führen und Reinkarnation, auf welche Art und Weise auch immer, so lange stattfindet, bis jeder qcm dieses Raumes erobert ist. Ob es einen beruhigt, wenn man wirklich daran glaubt, ist wieder eine andere Frage…

      1. Auch ich halte es für möglich dass die Seele ein Eigenleben hat. Reinkarnation schließe ich nicht aus.
        Allerdings sind die meisten Menschen, die ich treffe so begrenzt, dass es mir schwerfällt zu glauben, sie hätten die Erkenntnisse aus früheren Leben mit an Bord, und bewegten sich Schritt für Schritt auf die Vollendung zu. Vielleicht fängt man jedes Mal neu an. Wie Sysiphos.
        Das beunruhigende am Gedanken der Inkarnation ist, neben vielen anderen Aspekten, auch das Wissen, dass dieser Planet kontinuierlich zerstört wird, und dass die Mehrheit der Menschen in Armut und bitterer Not lebt.

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