Der Staubleser

„UND WIE LANGE HAT HIER NIEMAND MEHR GEWOHNT?“ Alfred stellte diese Frage immer. Oft enthob sie seine Kunden des Bemühens, sich für die Unordnung, den Staub und das Durcheinander nach dem Tod des Nahestehenden zu entschuldigen, und gleichzeitig konnte Alfred die Ehrlichkeit seiner Kunden an der Antwort messen. Staub war ein wichtiger Teil seines Geschäfts. Keine Altwaren ohne Staub. Seine ersten Lehrjahre waren voll davon gewesen. „Zuerst einmal alles abwischen“, hatte sein Meister ihm aufgetragen. Dann erst, oft nach zwei, drei Stunden im nächsten Kaffeehaus, war er in die zu räumende Wohnung gekommen, um sich die von Alfred gesäuberte Hinterlassenschaft genauer anzusehen. Alfred bewunderte die Sprache seines Meisters. Andere hätten Kramuri gesagt oder Krempel. Nein, er sagte immer: Hinterlassenschaft. Das respektierte den Wert der Objekte und damit haftete seinen Preisangeboten für die Räumung, die besenreine Totalräumung, die Autorität des Wissenden an, nicht der Geruch eines Leichenfledderers.

Josef Brainin, „Der Staubleser“

9783992000814

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