Ein Traum erschien

Fischen im DrübenEin Traum erschien, der sich mit Bildern aus Eindrücken und Empfindungen der letzten Wochen speiste: Ich betrete den Aufzug des Oriental Pearl Tower in Shanghai. Gleich darauf stellt sich heraus, dass ich besser alle Hoffnung fahren lasse, wie geplant sanft ins Erdgeschoss hinab zu gleiten. Stattdessen beginnt eine aberwitzige Jagd durch gläserne Tunnel, kreuz und quer und rauf und runter durch die ganze Stadt. Grelles Sonnenlicht scheint aus jeder Himmelsrichtung auf die Fassaden, leuchtet die Straßenschluchten vollständig aus, so dass kein Gebäude einen Schatten wirft. Erst als mich auf einmal totale Finsternis umgibt, endet die wilde Fahrt. Ich verlasse den Aufzug, der sich jetzt an der Außenseite eines ziemlich heruntergekommenen, traditionellen chinesischen Badehauses befindet. Gleich gegenüber gibt es einen zweiten, der direkt in die verschiedenen Becken und Liegeecken auf den jeweiligen Stockwerken führt. In einer mit dunklem Holz getäfelten Ruhezone lasse ich mich erschöpft auf eine Sitzbank sinken. Nachdem ich dort eine Weile vergeblich versuche, inmitten von Dampf und Dunkelheit etwas zu erkennen, durchfährt es mich plötzlich siedend heiß: Mein Mobiltelefon ist mir abhanden gekommen. Und während ich mir noch den Kopf zerbreche, wie und wo und wann es geschehen sein könnte, fallen mir weitere Gegenstände ein, die ich unterwegs verloren habe, darunter mein Portemonnaie. Am Ende stelle ich fest, dass mein gesamtes Reisegepäck auf der Strecke geblieben ist. Ich beschließe, noch einmal sämtliche Stockwerke abzufahren. Diesmal ganz systematisch.

Draußen treibt die Natur ihr Werden und Vergehen voran, grünt und blüht zum Himmel, als gelte es einen Ausgleich zu erschaffen zu dem brodelnden Verlusttopf, den Dorothea Grünzweig elegisch in ihrem Gedicht vom Finden und Verlieren beschreibt:

„wir hatten von weither und immer wieder
von vergänglichkeit geredet
vom willen mit einem verlust andere kommende einzuüben
der wendet sich zu trotziger verzweiflung“

und

„WIR SAGEN IN DEN NÄCHSTEN TAGEN ZUEINANDER
sagen es wieder und wieder wie von weither
wir müssen mehr bereit sein zu verlust
am anfang hieß verlieren     lösen freiwerden
wir dürfen das was wir verlieren
nie nie als schlussstein definieren von
dem das leben überdomenden gewölbe
müssen verstehen das ist nur ein verlust
und kommen viele bis zum großen ganz am schluss

dann müssen wir auch in das schweigen gehen
das stärker ist und sprechender als jegliches gedicht“

Oh ja, die Totenstille, trommelt mit den Fäusten an die Wände. Es fühlt sich an, als fischte ich im Drüben mit dem falschen Köder an der Angel. Manchmal hilft Musik, die wir gemeinsam gehört haben. Miles Davis, zum Beispiel, das „Concierto de Aranjuez“.

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