Die Zeit, die Zeit

Jetzt ploppten die Erinnerungen hoch. Eine nach der anderen. Er stand vom Sofa auf und ging zum Blumenfenster.

Das breite Holzsims war leer und voller alter Wasserflecken von den Zimmerpflanzen des Vormieters.

Er sah hinaus. Etwas war anders.

Der Garten der Familie Hadlauber reichte bis zum Gartenzaun der Scholters. Dort, wo Knupps Haus gestanden hatte, glitzerte türkisblau ein überdimensionierter Pool in der Vormittagssonne.

„Frau Gelphart!“, rief er, „Frau Gelphart!“

„Was ist?“ Sie kam erschrocken zu ihm.

„Das Haus! Dort drüben! Da stand doch gestern noch ein Haus!“

Sie sah ihn besorgt an. „Gestern? Aber das ist doch zwanzig Jahre her!“

„Das Haus von Knupp, nicht wahr?“

„Die armen Knupps. Flogen nach Nepal in die Ferien. Beim Anflug auf Katmandu verunglückte die Maschine. Hundertdreizehn Passagiere. Alle tot. Das war neunzehnhundertzweiundneunzig. – Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja schneeweiß.“

Hinter Frau Gelphart ging die Tür zum Atelier auf, und aus dem halbdunklen Raum trat – Laura.

Sie war zum Ausgehen angekleidet und schien es eilig zu haben.

„Sag mal, hast du irgendwo meinen scheiß Kalender gesehen?“

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

 

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2 Gedanken zu “Die Zeit, die Zeit

    1. Vor allem, weil es das ist, womit man als Leser zuallerletzt rechnet. Was Suter ganz geschickt macht, ist, den Fokus total auf diesen Knupp zu richten. Bei Taler hat man das Gefühl, als hätte er mit allem abgeschlossen. Dabei ist Knupp eigentlich der Spiegel für das, was sich bei Taler unter der Oberfläche verbirgt.

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