Die Zeit, die Zeit

„Verstehen Sie die Zeit?

„Die Zeit?“

„Verstehen Sie sie?“

„Sie vergeht. Mehr weiß ich nicht.“

„Schon falsch. Sie vergeht nicht.“

Ich habe recht gehabt, dachte Taler, der Mann ist verrückt.

„Aber Sie sind nicht der Einzige, der das nicht versteht. Auch ich habe die Zeit erst vor ein paar Jahren verstanden.“

„Und was genau haben Sie verstanden?“

Knupp trank einen Schluck. „Die Zeit vergeht nicht, alles andere vergeht. Die Natur. Die Materie. Die Menschheit. Aber die Zeit nicht. Die Zeit gibt es nicht.“

Ruhig und geduldig trug er seine bizarre Theorie vor wie ein greiser Lehrer einer neuen Klasse einen alten Stoff.

„Dieses ständige Werden und Vergehen hat nur einen einzigen Zweck: Es täuscht vor, dass die Zeit verstreicht.“

Knupp wartete ab, bis sein Schüler ihm den Gefallen tat zu nicken. Dann fuhr er fort.

„Die Apfelbäume. Nehmen Sie die Apfelbäume, Sie wissen ja, welche.“

Peter nickte.

„Weil sie wachsen, weil sie dieses Jahr größer sind als letztes, glauben wir, es sei Zeit vergangen. Dabei sind nur die Apfelbäume gewachsen. Wenn sie aufhören würden zu wachsen, bliebe auch die sogenannte Zeit stehen. So einfach.“

Er trank sein Bier aus. „Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod. Ein Tag, an dem alles gleich ist wie am Vortag, wäre der Beweis, dass es in Wirklichkeit die Zeit ist, die ausbleibt. Und ein Tag, an dem alles gleich ist wie an einem Tag vor Jahren, erst recht.“

Er wartete einen Moment, bis er den Eindruck hatte, Taler sei ihm gefolgt. Dann fuhr er fort: „Es gibt nur ein Indiz dafür, dass die Zeit vergeht: die Veränderung. Die Zeit ist wie eine Krankheit. Man erkennt sie nur an ihren Symptomen. Wenn die weg sind, dann ist auch die Krankheit weg.“

Knupp trug beide Bierflaschen in die Küche und kam mit zwei neuen zurück. Er stellte sie sorgfältig auf die Untersätze auf dem Tisch und setzte sich.

„Wenn uns jemand vor einer Viertelstunde fotografiert hätte, als die Flaschen noch voll waren, und jetzt wieder, wo sie wieder voll sind, und die Fotos vergleichen würde, würde er glauben, es seien nur Sekunden vergangen. Wenn wir uns anstrengen würden, ganz genau gleich zu sitzen wie auf dem ersten Bild, wäre keine Zeit vergangen. Wir könnten uns so in den Augenblick vor einer Viertelstunde zurückbegeben.“

Er nahm sein Bier vom Tisch. „Auf dieselbe Art können wir uns auch Tage, Monate, Jahre zurückversetzen.“

Knupp trank einen Schluck, stellte die Flasche wieder ab und fügte hinzu: „Daran arbeite ich.“

Auch Taler nahm jetzt einen Schluck, aus Verlegenheit und um die Zeit wieder in Gang zu bringen. „Sie arbeiten sozusagen an der Abschaffung der Zeit?“

Knupp wiegte den Kopf hin und her. „Nicht an deren Abschaffung. An deren Überlistung.“

Taler sah ihn ungläubig an.

„Wissen Sie, was die Buddhisten sagen? Die Buddhisten sehen die Zeit nicht als etwas kontinuierlich Fließendes, sondern als Aufeinanderfolgen von lauter Einzelmomenten. Ich finde, das kommt der Sache schon ein bisschen näher. Wie ein Filmstreifen. Eine Reihe von Standbildern. Die Bewegung entsteht, wie gesagt, nur dadurch, dass diese Standbilder verändert werden. Ohne diese Veränderungen gäbe es die Idee der Zeit nicht.“

Knupps zitternde Hand nahm die Bierflasche vom Tisch. Er trank einen Schluck und fuhr fort:

„Wenn Sie zwei solcher Momentaufnahmen übereinanderlegen und sie sind absolut deckungsgleich, dann haben Sie die Zeit überlistet. Dann haben Sie sie außer Kraft gesetzt, das müssen Sie zugeben.“

Taler wusste nicht, weshalb er sich auf diese Diskussion einließ. Vielleicht hatte es etwas mit seinem ständigen Umgang mit Zahlen zu tun. „Eine Filmkamera macht vierundzwanzig Bilder pro Sekunde. Da dürfte es einfach sein, zwei deckungsgleiche herzustellen. Eine Vierundzwanzigstelsekunde lang kann die Welt stillstehen.“

„Sekunden, Minuten, Stunden – alles Erfindungen, um uns vorzumachen, die Zeit sei etwas Messbares und dadurch Existentes. Ich sage Ihnen, es ist egal, in welchem Abstand Sie die deckungsgleichen Momentaufnahmen machen. Wenn Sie es schaffen, ist die Zeit außer Kraft gesetzt.“

Immer noch sprach Knupp mit der Ruhe und Sicherheit des Wissenden. „Wenn es Ihnen gelingt, die Momentaufnahmen eines beliebigen Tages exakt zu rekonstruieren, dann haben Sie die Zeit für diesen Moment aufgehoben und befinden sich in diesem.“

„Und was ist mit den Faktoren, die man nicht beeinflussen kann? Das Wetter, zum Beispiel.“

„Ein bisschen Wetterglück braucht es ab und zu im Leben“, räumte Knupp ein.

Taler war sich nicht sicher, ob er nicht doch auf den Arm genommen wurde. Aber der Alte fuhr ganz ernst fort:

„Ich habe mir natürlich alle Einwände tausendmal überlegt. Auch den, dass, selbst wenn es gelänge, einen vergangenen Tag zu klonen, diese Wahrnehmung eine subjektive wäre.“

„Und? Was sagen Sie dazu?“

„Wahrnehmungen sind immer subjektiv.“

Taler schüttelte ungläubig den Kopf. Er deutete auf seine Armbanduhr. „Ich sehe hier sechzehn nach acht. Und Sie?“ Er hielt ihm das linke Handgelenk unter die Nase.

Knupp zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Sie können Sie auch auf sechzehn nach elf stellen.“

„Und wenn es eine Sonnenuhr wäre?“ Talers Frage klang halb gereizt, halb amüsiert.

„Sehen Sie, jetzt sind wir wieder bei der Veränderung. Der Stand der Sonne verändert sich, und wir messen diese Unterschiede und glauben, es sei die Zeit, die sich verändere.

Die Bierflaschen waren wieder leer, und Knupp trug sie in die Küche.

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

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