Der Räuberbräutigam

An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es gieng fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Illustration of "The Robber Bridegroom" from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.
Illustration of „The Robber Bridegroom“ from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.

Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hieng. Nochmals rief er

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Da gieng die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und gieng durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe. „Könnt ihr mir nicht sagen“, sprach das Mädchen, „ob mein Bräutigam hier wohnt?“ „Ach, du armes Kind“, antwortete die Alte, „wo bist du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, koch dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

"At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchen. Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst, sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort…

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Räuberbräutigam“)

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3 Gedanken zu “Der Räuberbräutigam

  1. Die Mutter aller Horrorfilme (die man nach der Lektüre dieser Märchen vielleicht mit anderen Augen sieht?). Hierzu (speziell auch zu dem Kannibalismus-Thema) müsste es eigentlich eine Menge Interpretationen geben.

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