Was ist ein Epigramm?

Das Epigramm (altgr. ἐπίγραμμα epigramma „Aufschrift“) ist ursprünglich eine Aufschrift an einem Weihgeschenk, einem Grabmal, einem Kunstwerk und ähnlichem, lediglich mit dem Zweck der Bezeichnung des Gegenstandes und dessen Bedeutung.

Später erhielten diese Inschriften eine poetische Erweiterung, indem sie in knappster Fassung des Sinnes, meist in Distichen, auch Gefühlen und Gedanken Raum gaben, die sich an die betreffende Person, Handlung oder Begebenheit knüpften, und bildeten sich so zu einer selbständigen Dichtungsgattung heraus. Gotthold Ephraim Lessing erklärt das Epigramm als Gedicht, in welchem nach Art der eigentlichen Aufschrift unsere Aufmerksamkeit und Neugierde auf irgendeinen einzelnen Gegenstand erregt und mehr oder weniger hingehalten werden, „um sie mit Eins zu befriedigen“.

Erwartung und Aufschluss sind daher die beiden wesentlichen Teile des Epigramms, von denen erstere (wie ein Rätsel) durch einen scheinbaren Widerspruch gespannt, letzterer durch eine überraschende Deutung des Sinnes herbeigeführt wird (daher auch der deutsche Name Sinngedicht für Epigramm, kreiert von Philipp von Zesen). Begründer der epigrammatischen Kunst war Simonides von Keos, dessen Epigramme, zum großen Teil als Monumente der Kämpfer in den Perserkriegen gedichtet, Muster poetischer Auffassung sind und sich durch Schärfe des Gedankens und großartige Einfachheit auszeichnen. In der Folge fand das Epigramm breite Pflege, und der poetische Sinn der Griechen entfaltete in dergleichen kleinen Gedichten noch lange eine große Anmut, Vielseitigkeit und Gewandtheit, auch nachdem ihnen die Kraft zu größeren Produktionen entschwunden war.

Die klassische metrische Form ist das Distichon, doch das Formmerkmal Kürze wurde über die Jahrhunderte recht flexibel gehandhabt. Den größten Einfluss auf das deutsche Epigramm hatte jedoch kein Grieche, sondern der Römer Martial (etwa 40-100), dessen Verse im 17. Jahrhundert dutzende von Auflagen erfuhren.

Der Hang zum Mystischen und zur Lebensklugheit, die beide dem Barock anhafteten, sollte in den weiteren Jahrhunderten zum festen Programm der Epigrammdichter gehören. An ostasiatisches Philosophieren erinnernde Kurzgedichte erscheinen jedoch fast nur im Barock:

Demuth

Ein hoher, starcker Baum muss von dem Winde liegen;
Ein niederträchtig Strauch, der bleibet stehn durch biegen.

(Friedrich von Logau)

Schweigendes Hören,
Hörendes Schweigen

Indem ich schweig, hab ich viel mehr von mir erfahrn,
Als vor mir ausgeschwätzt viel Weis’ in hundert Jahrn.

(Daniel Czepko von Reigersfeld, 1605-1660)

Das vermögende Unvermögen

Wer nichts begehrt, nichts hat, nichts weiß, nichts liebt, nichts will
Der hat, der weiß, begehrt, und liebt noch immer viel.

(Angelus Silesius, 1624-1677)

Ohne warumb

Die Ros ist ohn warumb, sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht ob man sie siehet.

(Angelus Silesius, 1624-1677)

Wichtiger Bestandteil des Oeuvres eines Epigramm-Dichters war von jeher die Sinneslust. Was die Barocker sehr derb anfassten, wandelte sich bei Friedrich von Hagedorn (1708-1754) zu einer feineren, hintersinnigen Erotik:

Unvermutete Antwort

Malthin, den Jüngling, fragt Macrin,
Den Rechtsgelehrsamkeit, Amt, Milz und Alter steift:
Wie nennst du einen Kerl, sprich, sprich, wie nennst du ihn,
Den man im Ehebruch ergreift?
Ich nenn‘ ihn langsam, spricht Malthin.
Das 18. Jahrhundert brachte auch die Rückbesinnung auf die griechische Epigrammform. Während Lessing (1729-1781; Epigramme von ihm unter Lessing) noch in der Tradition von Martin Opitz theorisierte, indem er die inhaltliche Form des Epigramms damit beschrieb, dass dieses zunächst Neugierde wecken solle, die hingehalten werde bis zum befreienden Schluss, legte Johann Gottfried Herder (1744-1803) den Schwerpunkt anders.

Unter dem Einfluss der Anthologia Graeca forderte er, statt Kürze und Pointe die Wesensmerkmale Einheit und Wirkung stärker zu beachten. „Die Seele des griechischen Epigramms ist Mitempfindung“, schrieb er. Unbewusst rückte er das Epigramm damit in die Nähe des japanischen Haiku.

Obwohl Herder die dichterischen Größen seiner Zeit in Briefen von seiner Sicht des Epigramms zu überzeugen suchte, stieg er nicht zum Sektierer ab, sondern versuchte beide Richtungen zu vereinen:

Zwo Gattungen des Epigramms

Dir ist das Epigramm die kleine geschäftige Biene,
Die auf Blumen umherflieget und sauset und sticht.
Mir ist das Epigramm die kleine knospende Rose,
Die aus Dornengebüsch Nektar-Erfrischungen haucht.
Lass uns beide sie dann in Einem Garten versammeln;
Hier sind die Blumen, o Freund, sende die Biene dazu.

Wie populär das Epigramm weiterhin war, lässt sich daran ersehen, dass selbst Großdichter wie Schiller und Goethe von ihren Säulen herabstiegen und sich am Meißeln von Sinngedichten beteiligten:

Venezianische Epigramme (8)

Diese Gondel vergleich ich der sanft einschaukelnden Wiege,
Und das Kästchen darauf scheint ein geräumiger Sarg.
Recht so! Zwischen der Wieg und dem Sarg wir schwanken und schweben
Auf dem Großen Kanal sorglos durchs Leben dahin.

(Johann Wolfgang Goethe, 1749-1832)

Erwartung und Erfüllung

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling;
Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.

(Friedrich Schiller, 1759-1805)

Ihr gemeinsames Epigrammwerk nannten die beiden Dichterheroen Xenien und trieben dabei ganz unvornehm ihre sprachlichen Spielchen:

Goldnes Zeitalter

Ob die Menschen im ganzen sich bessern? Ich glaub es, denn einzeln
Suche man, wie man will, sieht man doch gar nichts davon.

Das deutsche Reich

Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

An die Philister

Freut euch des Schmetterlings nicht: der Bösewicht zeugt euch die Raupe,
Die euch den herrlichen Kohl fast aus der Schüssel verzehrt.

In den Fußstapfen von Schiller und Goethe tummelten sich bis ins 20. Jahrhundert hinein die verschiedensten Dichter, von dem eher unbekannten Johann Christoph Friederich Haug bis zu Wilhelm Busch. Dem Zeitgeist entsprechend standen Belehrung, die Wehmut der Romantik und Politik hoch im Kurs. Der eher deftige Tonfall des Barock spielte kaum noch eine Rolle.

Cäsar

Er kommt, er schaut, er siegt,
Er herrscht, er unterliegt.

(Johann Christoph Friederich Haug, 1761-1829)

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne,
Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

Revolutionslichter

Der Franzose.
Revolutionen tadl’ ich nie,
Große Lichter erzeugen sie.

Der Deutsche.
Große Lichter, – bei meiner Seele!
Drum hängt man sie auch an Laternenpfähle.

(Ignaz Franz Castelli, 1781-1862)

Vom Guten zum Bösen ist kein Sprung,
Der Übergang ist unmerklich gemacht,
Wie der Tag durch die Dämmerung
Sich verliert zur Nacht.

(Friedrich Rückert, 1788-1866)

Regel

Willst die Bescheidenheit du des Bescheidenen prüfen, so forsche
Nicht ob er Beifall verschmäht; ob er den Tadel erträgt!

(Franz Grillparzer, 1791-1872)

Vorsicht des Patrioten

Süß fürs Vaterland sterben! Doch möcht’ ich schließlich dabei sein,
Wenn man beim Siegesbankett seine Gefallnen beklagt.

(Eduard von Bauernfeld, 1802-1890)

Auch im 20. Jahrhundert fand das Epigramm noch immer seine Nische. Als bekannteste Vertreter wären Bertolt Brecht und Erich Kästner zu nennen. Kürze und Einfachheit machten und machen es natürlich auch zur Spielwiese von allerlei Hobbydichtern, obwohl das Epigramm inzwischen durch das Haiku Konkurrenz aus Fernost ertragen muss.

Letztlich steht dahinter immer die Hoffnung, jene Kleinigkeit dem dichterischen Wortfluss hinzufügen, die noch lange Zeit mit dem Strom schwimmt:

Worte

Manche Worte gibt’s, die treffen wie Keulen. Doch manche
Schluckst du wie Angeln und schwimmst weiter und weißt es noch nicht.

(Hugo von Hofmannsthal, 1874-1929)

Quelle: wikipedia

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Ein Gedanke zu “Was ist ein Epigramm?

  1. Sehr interessant. An das Haiku musste ich auch gleich denken (wie wär’s mit einem eigenen Epigramm, Kätzelchen?). Die vielseitigen Beispiele habe ich sehr genossen.

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