Der alte König in seinem Exil

James Joyce hat von sich gesagt, er habe keine Phantasie, überlasse sich aber einfach den Offerten der Sprache. So kam es mir auch beim Vater vor…

Wenn ihm ein Wort nicht einfiel, sagte er:

„Ich weiß nicht, wie ich es taufen soll.“

…und was ihm einfiel, war oft nicht nur originell, sondern hatte eine Tiefe, bei der ich mir dachte: Warum fällt mir so etwas nicht ein! Ich wunderte mich, wie präzise er sich ausdrückte und wie genau er den richtigen Ton traf und wie geschickt er die Wörter wählte. Er sagte:

„Du und ich, wir werden uns das Leben gegenseitig so angenehm wie möglich machen, und wenn uns das nicht gelingt, wird eben einer von uns das Nachsehen haben.“

In solchen Augenblicken war es, als trete er aus dem Haus der Krankheit heraus und genieße die frische Luft. Momentweise war er wieder ganz bei sich. Wir verlebten glückliche Stunden, deren Besonderheit darin bestand, dass sie der Krankheit abgetrotzt waren.

„Mir geht es meiner Beurteilung nach gut“, sagte er. „Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“

„Und was willst du machen, Papa?“

„Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du. Das muss man können.“

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“

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