Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien

Er war groß und breit gebaut, breit vor allem, klobig und robust, wobei das Ungeschlachte seines Körperbaus noch durch seine nachlässige Kleidung hervorgehoben wurde. Seine Züge waren grob, die Augen vermochten mühelos einen Ausdruck animalischen Stumpfsinns anzunehmen.

Damit glich er einer jener Gestalten aus Kinderalpträumen, deren monströs aufgedunsene, ausdruckslose Gesichter auf den Schlafenden zukommen, als wollten sie ihn zermalmen.

Von seiner gesamten Erscheinung ging etwas Unerbittliches, Unmenschliches aus, das an einen Dickhäuter denken ließ, der auf sein Ziel zustapft und sich von keiner Macht der Welt mehr davon abbringen lässt.

Er trank sein Bier, rauchte seine Pfeife und beobachtete mit Genugtuung den Zeiger der Uhr, der ruckartig, mit einem metallischen Klicken, von Minute zu Minute sprang. Eine nichtssagende Uhr.

Es hatte den Anschein, als sei seine Umgebung ihm völlig gleichgültig, und doch entging ihm keine noch so winzige Bewegung zur Rechten oder zur Linken.

Es war eine der merkwürdigsten Stunden seines Lebens, denn auf diese Weise verging fast eine Stunde! Genau zweiundfünfzig Minuten dauerte dieser Nervenkrieg!

Schweigen. Ein jeder wartete, ohne zu wissen, worauf. Ein jeder erwartete irgendetwas. Aber nichts geschah!

Bei jeder Minute, die verstrich, erbebte der Zeiger der Uhr, vernahm man ein leichtes Schnarren des Uhrwerks. Anfangs war es nicht zu hören gewesen, nun war es geradezu unerträglich laut. Und die Bewegung des Zeigers selbst zerfiel in drei verschiedene Phasen: erst ein Klicken, dann setzte sich der Zeiger in Bewegung, dann eine Wiederholung desselben Geräusches, wie um ihn an seinem neuen Platz einzurasten. Jedes Mal änderte sich das Gesicht der Uhr, der stumpfe Winkel wurde nach und nach zu einem spitzen, in dem Maße, wie die Zeiger sich aufeinander zubewegten.

Georges Simenon, „Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien“

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2 Gedanken zu “Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien

    1. Du meinst Jean Gabin als Kommissar Maigret… mit ihm geht es mir ähnlich wie mit Humphrey Bogart als Philip Marlowe, ich kann mir keinen anderen für die Rolle vorstellen. Simenon hat tatsächlich kleine Drehbücher geschrieben, nichtsdestotrotz sind sie gelesen noch besser. In meinen Regalen ist, was Maigret angeht, gleichfalls jede Menge Luft nach oben, wobei ich mich an die Neuausgaben halte. Die Non-Maigrets kann ich Dir übrigens auch wärmstens empfehlen, „Brief an meinen Richter“ zum Beispiel. Jedenfalls hat mich Simenon noch nie enttäuscht…

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