Der Verdacht

„Ich denke nur deine Gedanken“, antwortete der Kommissär ruhig. „Wir wollen genau sein. Mag es auch ein Verbrechen sein, was wir denken, wir sollten uns nicht vor unseren Gedanken fürchten. Nur wenn wir sie vor unserem Gewissen auch zugeben, vermögen wir sie zu überprüfen und, wenn wir unrecht haben, zu überwinden. Was denken wir nun, Samuel? Wir denken: Emmenberger zwingt seine Patienten mit den Methoden, die er im Konzentrationslager Stutthof lernte, ihm das Vermögen zu vermachen, und tötet sie nachher.“

„Nein“, rief Hungertobel mit fiebrigen Augen: „Nein!“ Er starrte Bärlach hilflos an. „Wir dürfen das nicht denken! Wir sind keine Tiere!“ rief er aufs neue und erhob sich, um aufgeregt im Zimmer auf und ab zu gehen, von der Wand zum Fenster, vom Fenster zum Bett.

„Mein Gott“, stöhnte der Arzt, „es gibt nichts Fürchterlicheres als diese Stunde.“

„Der Verdacht“, sagte der Alte in seinem Bett, und dann noch einmal unerbittlich: „Der Verdacht.“

Bärlach blinzelte nach den Rauchwolken, die Hungertobel genießerisch in Ringen und Spiralnebeln aus seinem Munde entließ. Nichts sei so schwer zu ertränken wie ein Verdacht, weil nichts so leicht immer wieder auftauche, antwortete er endlich.

„Wir dürfen jetzt nicht übertreiben“, meinte der Alte und schloß die Mappe auf seiner Bettdecke. „Ich habe dir nur die Wahrscheinlichkeit meiner Thesen bewiesen. Aber das Wahrscheinliche ist noch nicht das Wirkliche. Wenn ich sage, daß es morgen wahrscheinlich regnet, braucht es morgen doch nicht zu regnen. In dieser Welt ist der Gedanke mit der Wahrheit nicht identisch. Wir hätten es sonst in vielem leichter, Samuel. Zwischen dem Gedanken und der Wirklichkeit steht immer noch das Abenteuer dieses Daseins, und das wollen wir nun denn in Gottes Namen bestehen.“

Friedrich Dürrenmatt, „Der Verdacht“

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