Der Verdacht

Der Verdacht

Bärlach war anfangs November 1948 ins Salem eingeliefert worden, in jenes Spital, von dem aus man die Altstadt Berns mit dem Rathaus sieht. Eine Herzattacke schob den dringend gewordenen Eingriff zwei Wochen hinaus. Als die schwierige Operation unternommen wurde, verlief sie glücklich, doch ergab der Befund jene hoffnungslose Krankheit, die man vermutete. Es stand schlimm um den Kommissär. Zweimal schon hatte sein Chef, der Untersuchungsrichter Lutz, sich mit dessen Tod abgefunden, und zweimal durfte er neue Hoffnung schöpfen, als endlich kurz vor Weihnachten die Besserung eintrat. Über die Feiertage schlief zwar der Alte noch, aber am siebenundzwanzigsten, an einem Montag, war er munter und schaute sich alte Nummern der amerikanischen Zeitschrift „Life“ aus dem Jahr fünfundvierzig an.

„Es waren Tiere, Samuel“, sagte er, als Dr. Hungertobel in das abendliche Zimmer trat, seine Visite zu machen, „es waren Tiere“, und reichte ihm die Zeitschrift. „Du bist Arzt und kannst es dir vorstellen. Sieh dir dieses Bild aus dem Konzentrationslager Stutthof an! Der Lagerarzt Nehle führt an einem Häftling eine Bauchoperation ohne Narkose durch und ist dabei photographiert worden.“

Das hätten die Nazis manchmal getan, sagte der Arzt und sah sich das Bild an, erbleichte jedoch, wie er die Zeitschrift schon weglegen wollte…

Friedrich Dürrenmatt, „Der Verdacht“

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5 Gedanken zu “Der Verdacht

  1. Bärlach…ich werde ihn vermissen müssen. Habe soeben den Richter und seinen Henker beendet und vor einer Stunde mit dem Verdacht begonnen…offensichtlich hat er Dich auch eingefangen, dieser altmodische Kommissär …

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