Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Die reine, nackte Wahrheit? Die würde Madame Gallet um ihre dreihunderttausend Franc bringen. Und Madame Gallet würde sich mit ihrem Sohn, mit Eléonore, mit Tiburce de Saint-Hilaire auseinandersetzen müssen und sich mit ihren Schwestern und Schwagern von neuem überwerfen.

Alles, was dabei herauskäme, wäre ein Knäuel von Intrigen, Hass, endlosen Prozessen… Vielleicht bestünde ein besonders gewissenhafter Richter sogar darauf, dass Emile Gallets Leiche exhumiert und nochmals untersucht würde!

Maigret hatte das Bild des Toten abgeschickt. Er brauchte es nicht mehr. Das verblichene Foto hatte seinen Zweck erfüllt.

„… Seine rechte Wange färbte sich rot. Dann sah ich das Blut. Er stand und starrte immer auf den gleichen Punkt, als ob er auf etwas wartete…“

„Auf den Frieden, zum Teufel! Das war es, worauf er sein Leben lang wartete!“, knirschte Maigret und verließ das Haus, obschon es noch längst nicht elf Uhr war.

Mit hängenden Schultern stand er zehn Minuten später vor seinem Chef.

„Eine verpatzte Angelegenheit. Wir können diese kleine, schmutzige Geschichte zu den Akten legen.“

Nach einer Pause fuhr er fort:

„Der Arzt sagt, er hätte keine drei Jahre mehr zu leben gehabt. Nehmen wir an, die Versicherungsgesellschaft verliert sechzigtausend… Was heißt das schon, bei einem Kapital von neunzig Millionen…?“

Morsang, an Bord der >Ostrogoth<, Sommer 1930

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

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