Ein Gott der Frechheit

Wenn er nur gewußt hätte, wer sie war und was es mit ihrer Neugier auf sich hatte! Zum Beispiel hatte sie Interesse dafür gezeigt, ob er sich auch in weibliche Gehirne versetzen könne. Ferner wünschte sie von ihm zu lernen, wie man aus Wolken, Sandlinien oder sich schälenden Farben etwas über den Zusammenhang und die Fortbewegung der Welt las. Dabei konnte sie es offensichtlich längst, war allerdings in allem etwas rasch. Sie wußte immer, wo sie im Gestöber der Zeichen sich selbst finden konnte, und das war es, was göttliche Geister aus dem Chaos Wissen ziehen ließ. Gesträubt hatte sie sich nur gegen die Idee, auch normale Schriftzeilen so zu lesen wie die Botschaften des Rostes oder die Tänze der Kiesel im Brunnenbecken. Dabei war das einfach, man mußte nur gnadenlos ignorieren, was der Schreiber selbst mitteilen wollte. Ihr aber waren auf ungöttliche Weise die Gedanken wichtig, denen die Autoren der Menschenwelt mit ihren Manuskripten auf der Spur zu bleiben hofften. Er teilte ihr mit, was er las: aus der Zeitung Il Gazzettino ersah er, daß seine Begleiterin eine Abgesandte war. Und aus den Fleckenkolonien eines Restaurantspiegels ging hervor, daß sie ihm noch heute sagen würde, wer sie sei und wie alles zusammenhing.

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

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