Die Entdeckung der Langsamkeit

Die alte Frau putzte ihr Fenster, und John schrieb sein Buch, Tag für Tag. Jetzt hatte er schon über 50 000 Wörter und war beim ersten Treffen mit Akaitcho und den Kupferminenindianern. Schreiben war mühselig, aber wie eine Schiffsreise: es erzeugte die Kräfte und Hoffnungen, die es erforderte, selbst, und sie reichten auch noch für das sonstige Leben. Wer ein Buch zu schreiben hatte, konnte nicht auf Dauer verzweifelt sein. Und alle Verzweiflungen des Formulierens waren durch Fleiß zu besiegen. Anfangs hatte John besonders mit seinen Wiederholungen zu kämpfen. Sein ganzes Leben lang hatte er es abgelehnt, für eine einzige Sache mehrere Wörter zu gebrauchen. Daher hatte er zwischen gebräuchlichen und überflüssigen Wörtern unterschieden und seinen Vorrat so gering wie möglich gehalten. Jetzt aber kam es vor, daß ein Wort auf einer Seite zehnmal vorkam, etwa das Verbum „vorkommen“ bei der Aufzählung der arktischen Pflanzen. Sogar nachts schreckte John hoch und suchte nach Wiederholungen wie nach einem hartnäckigen, schlafraubenden Ungeziefer.

Noch etwas hatte ihn anfangs gestört: je eifriger er die wirklichen Erlebnisse beschrieb, desto mehr schienen sie zurückzuweichen. Was er aus Erfahrung kannte, verwandelte sich durch Formulierung in etwas, was auch er selbst nur noch sah wie ein Bild. Die Vertrautheit war weg, dafür ein Reiz der Fremdheit wieder da. Irgendwann hatte John angefangen, darin eher einen Vorzug als einen Nachteil zu sehen, obwohl es, gemessen an dem Ziel, Vertrautes zu beschreiben, eigentlich eine Enttäuschung war.

„Der Häuptling kam den Hügel herauf mit gemessenem und würdigem Gang, er blickte weder nach rechts noch nach links“ – John ließ die Stelle so stehen, obwohl er wußte, daß damit weniger gesagt war über seine damaligen Gefühle bei diesem Anblick, über die unklare, bange Situation und über die seltsame Hoffnung, die der Häuptling ihm vom ersten Augenblick an eingeflößt hatte. Trotzdem war es ein brauchbarer Satz, weil jedermann seine eigenen Gefühle in ihn hineinstecken konnte oder sogar mußte.

So ergab sich aus den Enttäuschungen des Schreibens schließlich etwas Gutes: eine neue Arbeit, auf die John sich verstand, weil er in ihr das Mögliche wollte und das Unmögliche wegließ. Schon etwa um das fünfzehntausendste Wort herum waren seine Ziele erreichbar geworden:

Das Buch mußte, wenn es seinen Autor rechtfertigen sollte, gut geschrieben sein. Das war eine Zeitfrage, weiter nichts.

Es mußte einfach sein, damit möglichst viele Leute begriffen, wie gut es war.

Es mußte über dreihundert Seiten haben, damit alle, die es besaßen, sich damit sehen lassen konnten.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

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2 Gedanken zu “Die Entdeckung der Langsamkeit

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