Die Entdeckung der Langsamkeit

Jetzt hatte er keine Zuversicht mehr. Auf das Erwachsenwerden wollte er nicht mehr warten! Eingesperrt in die Kammer mit Wasser und Brot, damit er daraus etwas lernte, wollte er auch nichts mehr lernen. Bewegungslos starrte er immer auf den gleichen Fleck, ohne etwas zu sehen. Sein Atem ging, als sei die Luft wie Lehm. Seine Lider schlossen sich nur alle Stunden, er ließ alles laufen, was lief. Jetzt wollte er nicht mehr schnell werden. Im Gegenteil, er wollte sich zu Tode verlangsamen. Es war sicher nicht leicht, Kummers zu sterben ohne Hilfsmittel, aber er würde es schaffen. Allem Zeitablauf gegenüber würde er sich jetzt willentlich verspäten und bald so nachgehen, daß sie ihn ganz für tot hielten. Der Tag der anderen würde für ihn nur eine Stunde dauern, und ihre Stunde Minuten. Ihre Sonne jagte über den Himmel, platschte in die Südsee, schoß über China wieder herauf und rollte über Asien weg wie eine Kegelkugel. Die Leute in den Dörfern zwitscherten und zappelten eine halbe Stunde, das war ihr Tag. Dann verstummten sie und sanken um, und der Mond ruderte hastig über das Firmament, weil auf der anderen Seite schon wieder die Sonne herankeuchte. Immer langsamer würde er werden. Der Wechsel von Tag und Nacht schließlich nur noch ein Flimmern, und endlich, weil sie ihn ja für tot hielten, sein Begräbnis! John sog die Luft ein und hielt den Atem an…

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

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2 Gedanken zu “Die Entdeckung der Langsamkeit

  1. Wunderbare Formulierungen, z.B.: „Die Leute in den Dörfern zwitscherten und zappelten eine halbe Stunde, das war ihr Tag.“, oder die Sonne „keuchte“ heran. Ist es nicht so?

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