Weitlings Sommerfrische

Nein, ich bin nicht undankbar, und immerhin bin ich dem Tod entronnen.

Wahrscheinlich brauchen die Menschen Gott in erster Linie, um Dankbarkeit für ihr Leben auszudrücken, mag er Jehova heißen, Allah, Wilson oder eben Gott. Für einen, der nur ersehnt und ausgedacht ist, hat er ziemlich viele Namen. Und für einen, der nur ausgedacht ist, gibt es auch reichlich Menschen, die mit ihm geredet haben wollen. Haben sie sicher auch. Sie haben ihn nur nicht gesehen, und gesagt hat er auch nichts.

Er ordnete noch einmal ausgiebig seine Gedanken über „oben“. Wenn überhaupt, dachte er, dann müsste man sich Gott unschlüssig denken. Er probiert herum, macht Fehler, überlegt, hat einen besseren Einfall und korrigiert sich! Ein Kreativer, Schöpfer eben, wie schon der Name sagt. Und es war, fand Weitling, ein großer Irrtum, sich Schöpfer als Ingenieure mit Blaupausen vorzustellen. Gott schuf etwas, ließ zum Beispiel ein Menschenleben, beginnen, lernte beim Zuschauen, und wenn er genügend gelernt hatte, änderte er etwas – rückwirkend! Meister fielen nicht vom Himmel, selbst wenn sie dort wohnten. Gottes Weg konnte also noch lang sein, aber wenigstens saß er nicht irgendwo herum und wusste alles besser – er blieb unterwegs. Ab und zu kriegte er einen unglaublichen Menschen hin, dem man glauben konnte.

Im Grunde sprach nichts dagegen, sich die Geschichte so vorzustellen. Weitling beschrieb immer noch gern manches Geschehen als Folge dessen, was Gott tat oder nicht tat: „Und was tut Gott? Er lässt es ausgerechnet an diesem Tag regnen!“ Von dieser Erzählweise musste er sich nicht verabschieden, nur weil er „nicht glaubte“. Dasselbe taten ja auch Märchen, in denen Gott Menschen auf die Probe stellte und je nach Ergebnis dann belohnte oder bestrafte. Es war einerseits vergnüglich, Märchen zu erfinden, und andererseits bitter, in einem sinnlosen „Weiter so“ zu leben. Wenn Menschen Gott bemühten, dann aus Gründen erzählerischen Begreifens: Sinnlosigkeit ließ sich so gut wie nicht erzählen, sie war ja nur das Fehlen von etwas. Man konnte nur von Etwas erzählen, aber nicht vom Nichts.

 

Famous last words:

Jetzt ging es noch mal ein Stück zurück: Er war als Vierjähriger im Kinderheim und erzählte und redete in einem fort mit großen Augen. Lauter Kinder saßen um ihn herum und hörten etwas von Schlangen und Löwen und Elefanten, und wie man Elefanten am besten einfangen könne, bei zweien habe er es bisher geschafft, alles in Chieming am Chiemsee, wahnsinnig weit weg von Schlederloh.

Durch das Bild begriff Wilhelm Weitling endlich, wieso er dieses Mal Schriftsteller geworden war: Sein Aufenthalt im Heim war lang genug gewesen, um ihn entdecken zu lassen, wie er – erfindend und erzählend – unter lauter ihm eher unheimlichen Menschenkindern überleben konnte. Nichts anderes tun Schriftsteller.

Der Mann, der vielleicht Arzt war, sagte jetzt: „Ich denke, es dauert noch. Glaubt er eigentlich an Gott?“

Sie waren am Hinausgehen.

„Schwer zu sagen, er redet nicht darüber.“

Mehr war nicht zu verstehen, die Tür schloss sich.

Ihn, Weitling, hatten sie nicht mehr gefragt. Dabei hätte er eine Antwort gehabt: „Gott gibt es. Wie wäre ich sonst zu zwei Leben gekommen?“

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“

 

Hat mich ein bisschen an Rosendorfer erinnert: schräg, humorvoll und mit ganz viel Tiefgang.

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Ein Gedanke zu “Weitlings Sommerfrische

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