Tauben fliegen auf

Im Innenhof oder zumindest in dessen unmittelbarer Nähe nistet ein Paar Stadttauben. Columba livia forma domestica. Die Stadttaube stammt von der Felsentaube (Columba livia) ab, die als Haustaube in Gefangenschaft gehalten und gezüchtet wird und dann wieder verwildert. Wieso, pă dracu! interessiere ich mich plötzlich für Tauben? Pă dracu ist Rumänisch und bedeutet Zum Teufel! Nach Rumänien wird mich meine Taubenreise noch führen. Ich beobachte also seit einer Woche besagtes Stadttaubenpaar, wie es mal auf den umliegenden Dächern, mal auf den Firsten eng beieinander hockt und buchstäblich nichts anderes im kleinen Köpfchen zu haben scheint, als zu turteln. Dabei wäre es ornithologisch ganz falsch, von Turteltauben zu sprechen. Denn die Turteltauben sind lediglich eine von etwa 42 Gattungen in der Ordnung der Taubenvögel. Nichtsdestotrotz sind die beiden auf Teufel komm raus am Turteln. Und am Gurren. Zu Stimme und Balzverhalten der Stadttauben schreibt wikipedia:

Das von beiden Geschlechtern geäußerte Gurren ist sehr variabel und klingt etwa wie „gúrr“ oder „guu-ru-gu.“ Das Männchen balzt mit einem tiefen, kollerndem „gang-grrru-guruú-u“, das mitunter gleichförmig aneinandergereiht wird. Beim ersten Teil dieses Motivs verbeugt es sich, beim letzten richtet er sich wieder auf. Während des Balzfluges wird mehrmals schnell mit den Flügeln geklatscht, was auch der Reviermarkierung dient. Am Nest wird ein langgezogener Ruf geäußert, etwa wie „ruh“. Der Warnruf ist ein kurzes, einsilbiges „ru“.

Das Männchen ist etwas größer, hat ein schillerndes Gefieder und gurrt und balzt um seine kleinere und unscheinbarere Partnerin herum, als wäre sie die Schönste im ganzen Land. Mein Vater lockte seine Tauben immer mit tuubi-tubbi-tubbi-tub. Man sollte die Dinge nicht vorschnell zum Teufel jagen, wenn sie plötzlich zu einem zurückkehren. Die Erinnerung ist schließlich das einzige, was bleibt, wenn der große schwarze Vogel, der alle Lebewesen unter seine Fittiche nimmt, einmal mit einem Menschen entschwunden ist.

Ich erinnere mich zum Beispiel an den Geschmack von knusprigem Speck, der mit einem Bindfaden um die gebratenen Leiber junger Tauben gebunden ist. Die Umstände, unter denen sie mir in den Mund geflogen kommen, in dem Moment zu begreifen, dazu bin ich noch zu klein. Eine Delikatesse ist nach allen Regeln der Kochkunst zubereitet worden, und für den Züchter stellt das mitnichten einen Widerspruch dar. Sogar das gruselige Vorspiel kommt bei Tisch zur Sprache. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mich nach dem Festmahl in den dunklen Keller schleiche, um den Schauplatz dieser sogenannten Schlachtung in Augenschein zu nehmen. Da steht er, der blutgetränkte Pflock, und im Geiste sehe ich meinen Vater die Axt schwingen und meine Mutter ihre Hand hinhalten, den Kopf zur Seite gewandt, um nicht hinsehen zu müssen, wenn das Beil fallen und das kleine Köpfchen vom Rumpf trennen wird. Und natürlich in der Angst, mein Vater könne daneben hauen. Das Grauen hat mich wohl schon immer magisch angezogen.

Als meine Schwester und ich es in späteren Jahren einmal wagten, uns kichernd am Paarungsverhalten der Tubbis zu ergötzen, mussten wir unsere Unbekümmertheit gleich darauf bitter büßen. Pfui Teufel! Schande über die wohlerzogenen Häupter der Töchter aus gutem Hause! Schämen sollten wir uns und taten es auch. Das war an dem Tag, als unser Vater dem gedeckten Tisch einen Tritt versetzte, mit einem Ruck Tuch und Tafelsilber in den Staub beförderte und der Überrest eines Bissens dieser denkwürdigen Mahlzeit mir bis heute im Halse stecken blieb. Die Zeit der gebratenen Tauben war lange vorbei.

Eigentlich hat es mich nie wirklich interessiert. Dieses Kleinvieh an sich. Das Heimfindevermögen von Brieftauben womöglich, das zu testen für jeden Züchter ein regelrechter Sport ist. Stundenlanges Fahren an einen Abflugort möglichst fern des Heimatschlages. Die Spannung, welche der ausgesetzten Tauben diesen wohl als erste wieder erreichen würde. Und eine, die gar ganz ausbleibt, ist es ohnehin nicht wert, dass ihr auch nur eine Träne nachgeweint wird. Nein, diese Begeisterung konnte ich nie teilen. Dabei ist durchaus nicht uninteressant, was sich auch auf diesem Forschungsgebiet so alles tut:

Eine vollständige Erklärung des Heimfindevermögens der Brieftauben ist bis heute noch nicht gefunden. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Brieftauben wie auch Zugvögel den Stand der Sonne und Sterne sowie das Magnetfeld der Erde als Kompass verwenden können und außerdem optische Anhaltspunkte zur Orientierung nutzen. In jüngster Zeit wurde von Forschern ein Sensor des Magnetsinns aus den Eisenoxyden Maghämit und Magnetit in Nervenzellen am oberen Teil des Schnabels von Brieftauben postuliert. Der Vermutung, Brieftauben könnten mithilfe von eisenhaltigen Nervenzellen im Schnabel die Stärke des Magnetfeldes der Erde messen und damit ihre geographische Position bestimmen, wurde jedoch später von einem internationalen Forscherteam widersprochen: Die mutmaßlichen Nervenzellen stellten sich bei genauerer Überprüfung als Makrophagen heraus, die als sogenannte Fresszellen eine wichtige Rolle bei derImmunabwehr inne haben und darüber hinaus an der Regulation des Eisenhaushalt des Körpers beteiligt sind. Wie Brieftauben und Zugvögel sich auf ihren zum Teil tausende Kilometer langen Flugreisen orientieren, bleibt somit weiterhin ein ungelöstes Rätsel. Neueste in der Fachzeitschrift Science publizierte Forschungsergebnisse weisen nun allerdings auf das Innenohr der Vögel als Sitz der magnetischen Sinns hin: Die Forscher konnten in einem Experiment nachweisen, dass sich die Aktivität von Neuronen in vier Hirnregionen der Vögel, die bekanntermaßen mit dem Innenohr gekoppelt sind, je nach Stärke und die Ausrichtung eines Magnetfelds ändert.

Ah, Erinnerungen! Nur ein paar Erinnerungen, die sich rein zufällig um diese Spezies ranken.

Auch an den Märchengarten, der sich zu meinen Füßen erstreckt und weit über das, was ich denken kann, hinaus ragt. Und an das Gurren der Tauben, das mich betört wie ein vieldeutiges Versprechen aus seinem tiefsten Inneren. In meinem türkisfarbenen Nachthemd wandele ich darin wie eine Prinzessin aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfängt sich die eine oder andere Nylonspitze in den Ranken mannshoher Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandet in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Der Rote Faden ist das Gurren der Tauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf.

Den Sommer und ich mittendrin. Und ein Schuhkarton mit Luftlöchern im Deckel zwischen den Vordersitzen des Wagens. An der Grenze stellt mein Vater seine braune lederne Aktentasche mit dem Zahlenschloss darauf ab, denn es ist verboten, Lebewesen aus dem Land zu schmuggeln. Wir befinden uns an der rumänisch-ungarischen Grenze, und im Karton scharrt ein Paar Tümmlertauben unruhig über den Boden aus Pappe. Als der Zöllner meinen Vater bittet auszusteigen und selbst auf dem Fahrersitz Platz nimmt, halte ich den Atem an. Draußen flimmert die Luft über dem glühenden Asphalt. Zufällig, wirklich rein zufällig ist es derselbe Mann, den wir bei der Einreise als Anhalter mitgenommen hatten. Er nimmt also auf dem Fahrersitz Platz, inspiziert den Innenraum, das Handschuhfach, fasst unter die Sitze, blickt auf die Tasche. Ich sehe seine Silhouette noch immer vor mir, als wäre es heute. Wie er die Tasche anhebt, auf den Karton blickt, die Tasche wieder absetzt und aus dem Auto steigt. Sie können fahren, sagt er lächelnd zu meinem Vater, der sich wahrscheinlich schwer zusammenreißen muss, diesem Zachäus von einem Zöllner, diesem vermeintlichen Kollaborateur des Kommunismus nicht auf die Schultern zu klopfen. Ich höre ihn lediglich leise, ganz leise Dinge raunen wie Sie sind ein guter Mann, Gott wird es Ihnen vergelten. Dann fahren wir über die Grenze, und die Tümmlertauben sind frei. Im Badezimmer eines österreichischen Hotels dürfen sie die kommende Nacht über fliegen und alles vollkacken, und am nächsten Morgen packen wir unsere Siebensachen und hinterlassen sang- und klanglos einen Saustall. Wahrscheinlich war eine Sintflut nötig, das Bad vom Mist des Kleinviehs wieder zu befreien, während mein Vater Tauben und die Seinen heimwärts schiffte und sich dabei höchstwahrscheinlich stolz wie Noah fühlte in seiner Arche namens Ford Granada Ghia.

Greti und ich mit CraiovanernIm Weltladen entdeckte ich gestern eine Taube aus Speckstein, die haargenau so aussieht wie diese Tümmlertauben. Nur der Name dieser ganz speziellen rumänischen Rasse fiel mir nicht mehr ein. Aber jetzt weiß ich ihn wieder. Craiovaner haben wir sie genannt. Porumbel Castaniu de Craiova. An besagtem Tag, als das Tischtuch im Staub landete, hat mein Vater auch ein Foto gemacht von mir und meiner Schwester. Beide halten wir jeweils eine dieser Kastanienbraunen Tauben aus Craiova in der Hand, und ich lache durchaus fröhlich in die Kamera.

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3 Gedanken zu “Tauben fliegen auf

  1. Faszinierende Kindheitserinnerungen. Lehrreich, witzig, spannend und – gruselig! Der blutige Pflock im Schlachtraum weckt Assoziationen an einen Folterkeller. Taube und Teufel vereint: die heitere Atmosphäre, die die Fotos ausstrahlen, Gott wird es Ihnen vergelten und dann die Unberechenbarkeit und der cholerische Ausbruch am Esstisch.
    Schöne Fotos, auf denen Deine späteren Gesichtszüge schon sehr gut zu erkennen sind.

    Wunderbarer Eintrag. Guu-ru-gu!

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