Acheron

Ich nehme an einer merkwürdigen Veranstaltung teil, eine Mischung aus Querfeldeinlauf, Kulturevent und Letztem Abendmahl. Dort am Tisch sehe ich plötzlich L. sitzen. Im Nachhinein würde ich sagen, er sah aus wie mein Vater, in dem Moment bin ich mir jedoch sicher, dass es L. ist. Dünn, faltig, zahnlos und komplett ergraut. Bar jeglicher Vitalität und um Jahre gealtert. Er spricht kaum. Ich habe das Gefühl, er schämt sich für seine Zahnlosigkeit. Ich stelle mir vor, wie schrecklich sie für ihn sein muss, diese leere Mundhöhle.

Das Leben scheint ihm eine letzte Gnadenfrist gewährt zu haben, und ich erzähle ihm, wie alles abgelaufen ist nach seinem Tod. Ich weiß, sagt er nur immer wieder. Es scheint ihm nichts auszumachen und daran irgendetwas zu ändern nicht seine Mission zu sein. Dennoch versuche ich, ihn davon zu überzeugen, dass die Gunst der Stunde vielleicht darin liegt, manche Dinge im Nachhinein doch noch etwas zu ändern. Die Szenerie wechselt ständig zwischen unserem Gespräch am Tisch einer Geschlossenen Gesellschaft, verschiedenen Schauplätzen, an denen ein mir unbekannter junger Mann Monologe aus einem Theaterstück, das anscheinend am selben Abend noch aufgeführt werden soll, zitiert und kommentiert und einer Art Schnitzeljagd durch die freie Natur, in der es einen Fluss zu überqueren gilt, über den keine Brücke führt. Eine ältere Dame winkt mir lächelnd vom anderen Ufer aus zu. Ich frage mich, wie sie es wohl geschafft haben mag, dort hinüber zu gelangen, obwohl der Fluss eigentlich nur ein dünnes Rinnsal ist, das sich durch den Wald schlängelt.

Am Ende stehen wir an einem Zebrastreifen. L. verschwindet in einem Gebäude auf der anderen Straßenseite in den Räumlichkeiten eines Steuerberaters, den wir einmal gemeinsam aufgesucht hatten. Ich weiß, dass ich ihm eigentlich folgen sollte, starre aber nur von Weitem auf die geöffnete Tür. Plötzlich wird mir bewusst, dass es für L. keinen Ort mehr gibt, an den er auf dieser Welt noch gehen kann. Keine Wohnung, kein Telefon. In dem Moment erkenne ich die ältere Dame wieder. Sie steht auf der anderen Seite der Straße neben der geöffneten Tür und winkt mir zu. Lächelnd.

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