Lila

Michael Andrews, „Melanie and me swimming“ (1978-79)

Sie wusch gern ihre Sachen. Manchmal stiegen Fische nach den Blasen. Die Seife roch etwas streng, wie der Fluss. In solchem Wasser konntest du Sachen schön sauber ausspülen. Konnte zwar sein, dass es nach einem ordentlichen Regen etwas braun war, Ackerboden, aber der Schlamm floss ab oder setzte sich. Ihre Hemden und ihr Kleid kamen ihr vor wie Wesen, die gar nicht zur Welt kommen wollten, so welkten sie in sich rein und sanken unter die Oberfläche, als wollten sie nur gelassen werden, vielleicht um einen tieferen, dunkleren Gumpen zu finden. Und wenn sie sie dann herauszog und an den Schultern hochhielt, sahen sie nach blanker Erschöpfung aus und nach Bedauern. Wie ihre eigene geschundene Haut. Aber wenn sie sie über eine Kordel hängte und das Wasser herauslaufen und Sonne und Wind sie trocknen ließ, kriegten sie langsam was von Wesen, die leben könnten. In der Kirche hatten sie einmal die Geschichte gelesen, wie die Königin von Ägypten an einen Fluss kam und ein Baby fand, das in einem Korb trieb, und das war dann ihr Baby. Lebe! Die richtige Mutter sollte das Kind eigentlich töten, aber das konnte sie nicht. Sie legte es auf den Fluss, und die Königin fischte es heraus. Aber es wurde erwachsen und zum Mann, und der beschloss, dass er nicht ihr Kind sein wollte. Oder vielleicht war sie gestorben, und ihr Vater konnte mit dem Burschen nicht, bloß ist das nicht Teil der Geschichte. Na ja, dachte Lila, ich kann nur hoffen, dass sie gestorben ist, bevor er sie so schlecht behandeln konnte. Sie hätte ihm trauen können müssen. Ach, jetzt denk ich schon wieder so. Kannst niemand trauen. Das denke ich die ganze Zeit. Wenn ich’s überhaupt noch versuchen will, dann am besten jetzt, wo ich gehen kann, wenn’s sein muss, und wo ich noch jung genug bin, eine Weile über die Runden zu kommen. Wo es nicht so drauf ankommt, wenn’s schief geht.

Also.

Marilynne Robinson, „Lila“

Lila

Dorothea Lange, „Migrant Mother“ (Florence Owens Thompson, 1936)

So seltsam das war, es war was dran. Allein schon wie seltsam es war. Der alte Mann hatte keine Ahnung. Lasst uns beten, und alle beteten sie. Lasst uns gemeinsam Lied Nummer egal was anstimmen, und alle sangen sie. Wozu verschwendeten sie Kerzen ans Tageslicht? Und er stellte sich hin und redete von Leuten, die wer weiß wie lange tot waren, wenn die Geschichten über sie überhaupt wahr waren, und die meisten Leute hörten zu, oder versuchten es. Das war alles unnötig. Die Tage kamen und gingen ganz von alleine, ganz ohne beten. Und trotzdem überall Versammlungen und Erweckungen, Leute, die sehend wurden. Die Trost fanden, wo es keinen Trost gab, bloß diesen alten Mann, der Dinge sagte, die er so oft schon gesagt hatte, dass er sie scheints selber gar nicht hörte. Ging um den Sinn der Existenz, sagte er. In Ordnung. Von der Existenz verstand sie ein bisschen was. Es war ziemlich das Einzige, wo sie was von verstand, und das Wort dafür hatte sie von ihm gelernt. Das war wie mit den Vereinigten Staaten von Amerika – irgendwas mussten sie dazu ja sagen. Der Abend  und der Morgen, schlafen und aufwachen. Hunger und Einsamkeit und Erschöpfung und trotzdem mehr davon wollen. Existenz. Wozu plage ich mich damit ab? Das konnte er ihr auch nicht sagen. Dabei wusste er’s, das sah sie ihm an. Warum will er mehr davon, wo sein Haus doch so leer ist, seine Frau und sein Kind längst unter der Erde? Der Abend und der Morgen, singen und beten. Die Seltsamkeit des Ganzen. Du hörst nicht auf zu suchen. Er würde den Hügel zu der traurigen Stelle hochsteigen und sie mit Rosen bedeckt vorfinden. Ob er nun wusste oder nicht wusste, wer sie zum Blühen gebracht hatte, er würde es seltsam und recht finden. Rosen waren unnötig.

Marilynne Robinson, „Lila“

Alles geht unter…

…aber wie wir es gespielt haben, bleibt in der Luft.

Ilse Aichinger, Aufzeichnungen 1970 in „Kleist, Moos, Fasane“

(* 1. November 1921 in Wien, † 11. November 2016 in Wien)

[fremd bin ich eingezogen unter meine haut]

Eva Rubinstein, „Bed in Mirror“ (Rhode Island, 1972)

fremd bin ich eingezogen unter meine haut / so lässt sich das am anschaulichsten sagen / im spiegel das visavis es bleibt unvertraut / besser so als anders kein grund, zu klagen

das hirn vollgepumpt mit sehnsuchtsdrogen / mit chimären die den winter pulverisieren / der blick hat sich den raum zurechtgebogen  / um die tür nicht aus den augen zu verlieren

sitze ich in mir mit dem rücken zur wand / tu so als hätte es sich zwangsläufig ergeben / die koffer griffbereit den pass in der hand

wie ein schlafgänger im körpereigenen haus / keine ahnung wer mich treibt so zu leben / ich weiß nur eins fremd zieh ich wieder aus

Christoph W. Bauer

Dem Moment Dauer geben

Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.

André Breton, „Erstes Manifest des Surrealismus“ (1924)

Hör gut hin

Hör gut hin, Kleine[r], / es gibt Weißblech, sagen sie, / es gibt die Welt, / prüfe, ob sie nicht lügen.

Ilse Aichinger, aus „Verschenkter Rat“

Delil Suleiman / AFP, „Young Iraqi refugee at a camp in al-Hol“ (Syria, October 19, 2016)

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen

Bilder unterbrechen nicht den Zeitfluß, sie machen ihn nur reißender. Reißerischer würde Marlies sagen. Mag sein, daß die Photos bleibende Präparate von Querschnitten durch die Zeit waren, sie fraßen einen aber auch von innen auf, waren Würmer, die sich fortpflanzten.

Torturen dauerhafter Wiederbelebung.

Sabine Gruber, „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Sterne im September

Bei Katja Schraml alias Herrn Zitter ein Gedicht von Ingeborg Bachmann wiederentdeckt. Ich  erlaube mir, meine Lieblingszeilen an dieser Stelle zu ergänzen:

In die Formel unfruchtbarer Gedanken / fügt sich das Universum nach dem Beispiel / des Lichts, das nicht an den Schnee rührt.

Unter dem Schnee wird auch Staub sein / und, was nicht zerfiel, des Staubes / spätere Nahrung. O Wind, der anhebt!

Ingeborg Bachmann, „Sterne im März“

Try to remember some details

Hiroshi Watanabe, „Ellis Island 2, New York“ (from the series „American Studies“)

Try to remember some details. Remember the clothing  / of the one you love / so that on the day of loss you’ll be able to say: last seen / wearing such-and-such, brown jacket, white hat. / Try to remember some details. For they have no face / and their soul is hidden and their crying / is the same as their laughter, / and their silence and their shouting rise to one height / and their body temperature is between 98 and 104 degrees / and they have no life outside this narrow space / and they have no graven image, no likeness, no memory and they have paper cups on the day of their rejoicing / and paper cups that are used once only.

… Try, try / to remember some details.

Jehuda Amichai

Psychological Portrait

Marcel Sternberger - Diego Rivera and Frida Kahlo - Mexico - 1952
Marcel Sternberger, „Diego Rivera and Frida Kahlo“ (Mexico, 1952)

Today with our smartphones, we are so immersed in images – and selfies – that it seems doubtful that any one image, among so many, might convey some absolute statement of a person’s inner being. And yet it’s tempting to believe that some personal essence might be captured. Of a portrait made by Sternberger, Diego Rivera said it was “the first time I have seen the real me … behind the mask.”

Lucy McKeon on Jacob Loewentheil’s „The Psychological Portrait: Marcel Sternberger’s Revelations in Photography“

Du sagst es

connie palmen - du-sagst-esIch glaube an so etwas wie ein echtes Selbst, und ich weiß, wie selten es ist, so ein Selbst sprechen zu hören, zu sehen, wie es sich aus dem Kokon der Falschheit und des Nichtssagenden herausschält, aus den Scheingestalten, die wir anderen präsentieren, um ihnen zu gefallen, sie irrezuführen. Je gefährlicher das echte Selbst, desto raffinierter die Masken. Je ätzender das Gift, das wir am liebsten über andere ausspeien würden – um sie zu lähmen, zu töten -, desto süßer der Nektar, mit dem wir sie locken, zu uns zu kommen, in unserer Nähe zu sein, uns zu lieben.

Sie war ein süß duftendes Gefäß voll Venenum.

Ich war nie zuvor jemandem begegnet, bei dem Lieben und Hassen so nah beieinanderlagen, dass es fast keinen Unterschied gab. Sie wollte nichts lieber, als jemanden lieben, aber sie hasste es, wenn sie es tatsächlich tat. Sie wollte nichts lieber, als geliebt werden, aber sie hat jeden, der sie je geliebt hat, gnadenlos für diese Liebe bestraft.

Hinter einer Fassade umwerfender Fröhlichkeit verbarg sich ein scheuer Hase mit einer Seele aus Glas, ein Kind voller Ängste, voll alptraumhafter Bilder von Amputationen, Eingesperrtsein, Stromstößen. Und ich – der verliebte Schamane – betete das zerbrechliche, verwundete Mädchen an, ihr wahres Selbst, wollte tun, was die Liebe vom Liebenden verlangt: ihr Konterfei zertrümmern wie ein zärtlicher Ikonoklast. Weil ich sie liebte, war es an mir, sie als Frau und Schriftstellerin aus der unechten Schale zu pellen, sie dazu zu bewegen, dass sie ihre eigene Stimme zu Gehör brachte. Die bange Stimme, die böse Stimme, die quengelige Stimme, mit der sie über Nichtigkeiten nörgelte, die wortlose Stimme, mit der sie demütigte und schikanierte, die verbotene Stimme, mit der sie wie eine wütende Rachegöttin Bannflüche über jeden aussprach, der sie verletzte. Ihre steinerne Zunge sollte im Versmaß ihrer Seele tanzen können, der schwarzen Seele, vor der sie – zu Recht – Angst hatte. Es war an mir, sie aus dem Tod auferstehen zu lassen.

Was ich damals nicht sah, war, dass ich damit auch mich selbst zu befreien suchte.

Ihr Wahnsinn ist mein Wahnsinn.

Connie Palmen, „Du sagst es“

Frau am Fenster VII

Matisse and his wife met for what proved to be the last time, ostensibly to discuss details of their legal separation, in July 1939. The meeting took place in Paris at the Gare St. Lazare and lasted thirty minutes, during which Amélie Matisse kept up a flow of small talk while her husband stared at her in silence, frozen in the pose painted three decades earlier in The Conversation. “My wife never looked at me, but I didn’t take my eyes off her…,” Matisse wrote on the night of that final encounter: “I couldn’t get a word out…. I remained as if carved out of wood, swearing never to be caught that way again.”

Hilary Spurling, „Matisse’s Pajamas“

Frau am Fenster VI

(after the painting by Egar Degas)

There’s nothing in my appearance except that I am disappearing / into the uncertain light; nothing that would make me certain / of any conviction, or if I’ve made the right decisions in my life. / At this point, with my skin drinking in the available light, / I find it impossible to remember if I am widow or wife, / if I’ve had a life of ease, a life of strife…

Jackie Kay, „Woman at a Window“

Frau am Fenster V

[Edward Hopper’s] women do not seem to have lives apart from the rooms in which we find them. They peer out into a world, the one the rest of us occupy – and it may be with a degree of longing – but it is not their world. … We feel it as certainly as we do the assertive geometrical character of the rooms they occupy. This spatial solidity is what lends the paintings an air of permanence and fixes the woman in place, as in Morning Sun (1952):

So much so that imagining them in any other context represents only a form of escape on the viewer’s part from the imprisoning resolution of the painting. The tendency to create narratives around the works of Hopper only sentimentalizes and trivializes them. The women in Hopper’s rooms do not have a future or a past. They have come into existence with the rooms we see them in. And yet, on some level, these paintings do invite our narrative participation – as if to show how inadequate it is. No, the paintings are each a self-enclosed universe in which its mysteriousness remains intact, and for many of us this is intolerable. To have no future, no past would mean suspension, not resolution – the unpleasant erasure of narrative, or any formal structure that would help normalize the uncanny as an unexplainable element in our own lives.

Mark Strand on Edward Hopper

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

Frau am Fenster III

I don’t rise to the occasion unless I’m really moved.

Elisabeth Peyton

Elisabeth Peyton - Annette Greenwich St. - 2004
Elisabeth Peyton, „Annette Greenwich St.“ (2004)

Zitat und Bild haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Aber ich mag das Motiv der Frau am Fenster sehr. Und auf diesem Bild begeistern mich die Details oder was ich in ihnen zu erkennen glaube. Die Passionsblume auf der Fensterbank, aus deren Ranken mir noch einmal das Gesicht der Porträtierten entgegen blickt. Die Passionsfrucht, deren leuchtendes Orange so schön mit ihrer Kleidung korrespondiert. Passion, von lateinisch pati „erdulden, erleiden“ bzw. passio „das Leiden“ oder – im allgemeinen Sprachgebrauch: Passion für Leidenschaft, Vorliebe, Liebhaberei. Ich denke auch an einen Tweet, den ich gestern las: The sound of resilience…

Ein Beitragsfaden zu Elisabeth Peyton findet sich bei der Mützenfalterin und Zeichnungen von Passionsblüten bei Susanne Haun.

Karyatide

Sieh‘ dieses Sommers letzten blauen Hauch / auf Astermeeren an die fernen  / baumbraunen Ufer treiben, tagen / Sieh‘ diese letzte Glück-Lügenstunde / unserer Südlichkeit, / hochgewölbt.

Gottfried Benn

Ein helles Weiß, eine Schande, ein Tintenfleck, rosiger Liebreiz.

The first step is understanding the story. And then it’s finding the places where you think pictures might happen.

Amy Toensing

 

Amy Toensing zum Bild links:

UTUADO, PR – AUGUST 01: Little girl dresses hang from a laundry line on a porch August 1, 2002 in Utuado, Puerto Rico. Puerto Rico was an outpost of Spanish colonialism for 400 years, until the United States took possession in 1898. Today Puerto Rico’s Spanish–speaking culture reflects its history – a mix of African slaves, Spanish settlers, and Taino Indians. Puerto Ricans fight in the U.S. armed forces but are not entitled to vote in presidential elections. They passionately debate their relationship with the U.S. with about half the island wanting to become the 51st state and the other half wanting to remain a U.S. commonwealth. A small percentage feel the island should be an independent country. While locals grapple with the evils of a burgeoning drug trade and unchecked development, drumbeats still drive the rhythms of African-inspired bomba music.

Teju Cole zum Bild rechts:

„The Superhero Photographs of the Black Lives Matter Movement“

Zur Überschrift:

Gertrude Stein, „Drei Gedichte“

Impossible Friendships

For example, with someone who no longer is,
who exists only in yellowed letters.

Or long walks beside a stream,
whose depths hold hidden

porcelain Cups – and the talks about philosophy
with a timid student or the postman.

A passerby with proud eyes
whom you’ll never know.

Friendship with this world, ever more perfect
(if not for the salty smell of blood).

The old man sipping coffee
in St.-Lazare, who reminds you of someone.

Faces flashing by
in local Trains –

the happy faces of travelers headed perhaps
for a splendid ball, or a beheading.

And friendship with yourself
– since after all you don’t know who you are.

Adam Zagajewski

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Atempause Juli

Wer rücklings unter den hohen Bäumen liegt, / ist auch da oben. Er strömt in Tausende von Zweigen aus, / schaukelt hin und her, / sitzt in einem Schleudersitz, der in Zeitlupentempo wegfliegt.

Wer unten an den Bootsstegen steht, blinzelt den Wassern zu. / Die Bootsstege altern schneller als Menschen. / Sie haben silbergraues Holz und Steine im Magen. / Das blendende Licht schlägt tief hinein.

Wer den ganzen Tag in offenem Boot / über die glitzernden Buchten fährt, / wird schließlich in einer blauen Lampe einschlummern,  / während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.

Tomas Tranströmer, „Atempause Juli“ in „Sämtliche Gedichte“

Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel

Der Tod ist die Kurve an einer Straße

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

Der Tod ist die Kurve an einer Straße. / Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn. / Lausch ich, hör ich deine Schritte / Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen. / Die Lüge hat kein Geheg. / Niemand ging jemals verloren. / Alles ist Wahrheit und Weg.

Fernando Pessoa

Roads and Rain

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

It’s said that in the beginning was the word, but for me the beginning is always an image. When I think about a conversation, it always starts with images. And what I love about photography is the inscription of a single moment: it’s completely ephemeral. You take the photograph, and one second later, everything has changed.

Abbas Kiarostami

Alles nur geliehen

Zwar ist längst nicht mehr April, das Wetter macht aber dennoch, was es will. Irgendwie ist das Gebaren dieses Sommers auch eine sinnfällige Metapher für den Lauf des Jahres so far.

Am 30. Juni ist Geoffrey Hill gestorben. Ich liebe seinen September Song.

In einem Interview in der Paris Review sagte er einmal, „schwierig“ zu sein bedeute demokratisch zu sein, denn das Verlangen nach dem Einfachen gleiche dem Verlangen eines Tyrannen.

Gestern ist auch Elie Wiesel gestorben:

Is there a prayer for prayers? If not, it should be invented. Leah told him one day: „I am grateful to you not only for what you do and what you are, but also for what I am. I am grateful to you for that very gratitude.“ And Moshe answered her: „I like what you just said but you must never say it again.“ And Leah understood. At the end of the world there is silence, at the end of silence there is the gaze.

Elie Wiesel, „The Oath“

Wer könnte den Bogen besser spannen zwischen the cruellest month und dieser Stille – als Tomas Tranströmer:

April und Schweigen

Öde liegt der Frühling
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

Das einzige, was leuchtet,
sind gelbe Blumen.

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt außer Reichweite
wie das Silber
beim Pfandleiher.

Dazu gibt es am Ende auch ein sprechendes Bild von Teju Cole – siehe hier.

Meanwhile in France wird Fußball gespielt und ein paar Zwerge proben unbeirrt den Aufstand. Ich liebe es. Auch das.

Alles nur geliehen.

Questions of Travel

Luigi Ghirri - Mare
Luigi Ghirri, „Tellaro, Italia“ (1980)

Think of the long trip home. / Should we have stayed at home and thought of here? / Where should we be today? / Is it right to be watching strangers in a play / in this strangest of theatres? / What childishness is it that while there’s a breath of life / in our bodies, we are determined to rush / to see the sun the other way around? / The tiniest green hummingbird in the world? / To stare at some inexplicable old stonework, / inexplicable and impenetrable, / at any view, / instantly seen and always, always delightful? / Oh, must we dream our dreams / and have them, too? / And have we room / for one more folded sunset, still quite warm?

‚Is it lack of imagination that makes us come / to imagined places, not just stay at home? / Or could Pascal have been not entirely right / about just sitting quietly in one’s room?

Continent, city, country, society: / the choice is never wide and never free. / And here, or there… No. Should we have stayed at home, / wherever that may be? ‚

Elisabeth Bishop, „Questions of Travel“

A slender thread

Photography […] I believe it to be an extraordinary visual language for being able to increase this desire for the infinite we all have within us. As I said before, it constitutes a great adventure in the world of thinking and looking, a great, magical toy that succeeds miraculously to combine our adult awareness with the fairy-tale world of childhood […], Borges wrote of a painter who wanted to paint the world, and began with pictures of lakes, mountains, boats, animals, faces, objects. At the end of his life, putting together all of his pictures and drawings, he noticed that this immense mosaic was his own face. The starting point of my project and photographic work may be compared to this tale. The intention of finding a key, a structure for every single image, which all together goes to form another. A slender thread that binds autobiography and the external world.

Luigi Ghirri, „L’opera aperta“

Warum Java und wann

Wer weiß wie helle Raben
warum blaue Lava und schwarzer Sand

oder der Junge mit den Schwefelhölzern
dem man noch immer sagt er solle kein Mädchen sein
oder die Königin mit der Männerhand

wer weiß schon Inseln
warum Java und wann

Angelika Stallhofer

Quelle: Fixpoetry

…come sit on my wall.

Amie come sit on my wall / And read me the story of O / And tell it like you still believe / That the end of the century / Brings a change for you and me…

Damien Rice, „Amie“

The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

Playground Love

Früher.

Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns und war uns gnädig. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus den Tiefen des Märchengartens, der sich zu unseren Füßen erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. In unseren rosa und türkisfarbenen Schlafgewändern wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Nylonspitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

I could give all to Time

Gabriele Münter, Breakfast of the Birds, 1934
Gabriele Münter, „Breakfast of the Birds“ (1934)

To Time it never seems that he is brave / To set himself against the peaks of snow / To lay them level with the running wave, / Nor is he overjoyed when they lie low, / But only grave, contemplative and grave.

What now is inland shall be ocean isle, / Then eddies playing round a sunken reef / Like the curl at the corner of a smile; / And I could share Time’s lack of joy or grief / At such a planetary change of style.

I could give all to Time except – except / What I myself have held. But why declare / The things forbidden that while the Customs slept / I have crossed to Safety with? For I am There, / And what I would not part with I have kept.

Robert Frost, „I could give all to time“

Defocus

I don’t want to see blazing sunsets with every blade of grass and every rock in uber-sharp definition; it’s too much for my eyes! I’d rather get a hint of a place, a glimpse of an atmosphere, and until quite recently when I discovered the work of Chris Friel and others of that impressionist photography genre I had always thought that was outside the remit of photography.

Cath Waters

The Truth the Dead Know

 

For my Mother, born March 1902, died March 1959 / and my Father, born February 1900, died June 1959

Gone, I say and walk from church, / refusing the stiff procession to the grave, / letting the dead ride alone in the hearse. / It is June. I am tired of being brave.

We drive to the Cape. I cultivate / myself where the sun gutters from the sky, / where the sea swings in like an iron gate / and we touch. In another country people die.

My darling, the wind falls in like stones / from the whitehearted water and when we touch / we enter touch entirely. No one’s alone. / Men kill for this, or for as much.

And what of the dead? They lie without shoes / in the stone boats. They are more like stone / than the sea would be if it stopped. They refuse / to be blessed, throat, eye and knucklebone.

Anne Sexton

Aging Actress

This is the last time I do this. I’m so sick of using myself, how much more can I try to change myself? … It’s the most sincere thing I can do.

Cindy Sherman

Rooms by the Sea

Über [Rooms by the Sea] liest man in Jo Hoppers Logbuch, daß es erst anders heißen sollte, nämlich The Jumping Off Place. Und das sieht man dem Bild auch an: Gerade noch ist jemand aus der offenen Tür ins Meer hinausgesprungen, das da bis unmittelbar unter die Schwelle des Zimmers heranschlägt, so als sei dieses Haus auf eine Klippe gebaut oder stünde auf Stelzen im Meer. Und im nächsten Moment wird auch in der Ferne, am Horizont, ein Boot erscheinen, zu weit weg, um den noch aufzufischen, der sich da in das unendliche Meer gestürzt hat. [Es] scheint eine herrliche milde Nachmittagssonne (Jo im Tagebuch: „Early October“) in ein leeres Zimmer, aber auch hier kann ihr schönes Licht nicht die Feindlichkeit der Welt vergessen lassen

Wim Wenders in der Zeit in einem Artikel über die vierbändige Ausgabe der Werke Edward Hoppers, „Edward Hopper, An Intimate Biography“ von Gail Levin

Ein wenig anders sieht es Mark Strand in seiner Schrift „Über Gemälde von Edward Hopper“:

Eine heitere Fremdartigkeit hat von den Räumen Besitz ergriffen. Der Ausblick, der den offenen Zugang rechts ausfüllt, ist zwar gewaltig, aber nicht bedrohlich. Das Wasser scheint bis unmittelbar an die Tür zu reichen, als ob es keinen Mittelgrund oder kein Ufer gäbe, ja als ob es von Magritte gestohlen worden wäre. Es ist eine Ansicht der Natur, die ungeschönt und außergewöhnlich ist. Auf der linken Seite des Bildes bietet sich uns ein schmaler, gedrängter Ausblick auf das Gegenstück zur Natur – auf einen Raum, ausgestattet mit einem Sofa oder einem Sessel, einer Kommode und einem Gemälde – eine Auswahl von Gegenständen des häuslichen Lebens. Das Bild drängt uns zu einer Bewegung von rechts nach links, so als ginge es bei dem Anblick, den es uns bieten will, nicht um das Meer, sondern um den teilweise verdeckten, zweiten Raum. Selbst das Meer, so scheint es, schaut auf und herein, und auch das Licht weist uns eben darauf hin und teilt uns mit, wohin wir blicken müssen.

Der zweite Raum ist ein möbliertes Echo des ersten. Die Verdoppelung des Raumes ist beruhigend, weil sie Vorstellungen von Beständigkeit und Gemeinsamkeit ins Bild setzt, die beide zusammen die Grundlage für häusliches Wohlbehagen ausmachen. Und das Meer und der Himmel, zwei Agenten des Willens der Natur, sehen in diesem Zusammenhang unverfänglich aus.

Der vermeintlich bösartige Unterton von „A Jump Off Place“ soll Hopper bewogen haben, den Titel des Bildes zu ändern.

Beiden Sichtweisen kann ich etwas abgewinnen. Was immer mit den Menschen sein mag, die darauf nicht zu sehen sind, es wäre kein Hopper, ohne sein enigmatisches Moment, dem das von Magritte gestohlene Wasser durchaus etwas Heiteres verleiht. Wenn mich etwas beunruhigt, dann ist es das in der Tat unverfängliche Aussehen der beiden Agenten des Willens der Natur. Ein Satz von Herta Müller fällt mir ein:

Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal. Sie will dich ja doch fressen. Wenn du stirbst, hat sie dich.

Little Loss

(1)

ich goss mir den morgen ins glas.
auch die pupille schon flüssig, du warst
ein schnappschuss in meinem kopf.

was hast du? – als müsse man alles
begreifen / den aus der sonne
gelassenen korken, geschosse,

das licht, die berichterstattung.
und gestern schon wissen, was morgen

Sina Klein

Quelle: Fixpoetry

Ziemlich viel Glück

Gustav Klimt - Fischblut - 1898
Gustav Klimt, „Fischblut“ (1898)

Ziemlich viel Glück / Gehört dazu, / Daß ein Körper auf der Luft / Zu schweben beginne / Mit Brust, Achsel und Knie / Und auf dieser Luft / einem anderen Körper begegne, / Wie er / Unterwegs.

Die Atmosphäre macht / Zwei innige Torsen aus ihnen. / Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken / Zärtliche Linien in Baumkronen. / Eine ganze Zeit noch / Ist Ihr Flüstern zu vernehmen, / Und wie sie einander / Das schenken, /  Was leicht an Ihnen ist.

Glücklichsein beginnt immer / Ein wenig über der Erde.

Dog Women

Inspired by a story a friend had written for her, Paula Rego draws her Dog Woman in pastels, referencing the raw physicality of Degas’ drawings:

„To be a dog woman is not necessarily to be downtrodden; that has very little to do with it. In these pictures every woman’s a dog woman, not downtrodden, but powerful. To be bestial is good. It’s physical. Eating, snarling, all activities to do with sensation are positive. To picture a woman as a dog is utterly believable.“

Quelle: Saatchi Gallery

Speak to me of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world and older than the flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy bosom turn all golden in the sunset.

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.

Langston Hughes, „The Negro Speaks of Rivers“

Blanketing Space

Zu Kiki Smiths Triptychon siehe bei der Mützenfalterin: „Kiki Smith – Sky, Earth, Underground“.

Mich erinnert es unwillkürlich an die Bilder von Éduard Vuillard, der sich in den 1890er Jahren von Tapisserien inspirieren ließ. Er malte seine Bilder als würde er sie weben. Interieurs, die seine Mutter und Schwester bei der Hausarbeit zeigen oder Näherinnen bei ihrer Arbeit in einer der Korsettwerkstätten jener Zeit. Sie werden durch gemusterte Tapeten konturiert, ja, scheinen daraus hervorzutreten oder darin zu verschwinden, was den vermeintlichen Alltagsszenen eine zuweilen unheimliche Atmosphäre verleiht.

„What is behind it?“,  fragt Charles Simic in seinem Gedicht Tapestry.  – „Space, plenty of empty space.“ Aber während Kiki Smith von diesen Räumen dahinter erzählt, scheint es aus denen von Éduard Vuillard kein Entrinnen zu geben.

Red Riding Hood

Long ago
there was a strange deception:
a wolf dressed in frills,
a kind of transvestite.
But I get ahead of my story.

Those two remembering
nothing naked and brutal
from that little death,
that little birth,
from their going down
and their lifting up.

Anne Sexton, „Red Riding Hood“

Und wunderbar weitergedacht: Die Mützenfalterin über das Schlüpfen aus der Haut eines Wolfes…

[i carry your heart with me(i carry it in]

Carry a Poem in your Pocket…

i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)
i fear
no fate(for you are my fate,my sweet)i want
no world(for beautiful you are my world,my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life;which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that’s keeping the stars apart

i carry your heart(i carry it in my heart)

E. E. Cummings